Ruhestand planen mit den 3 Lebensphasen und ihrem jeweiligen Finanzbedarf
Der Ruhestand ist finanziell selten eine gerade Linie. Viele Planungen gehen von einem gleichbleibenden Jahresbudget aus. In der Praxis verändert sich der Geldbedarf aber deutlich: Am Anfang steht oft viel Lebensfreude auf der Ausgabenseite, später wird es ruhiger, und im hohen Alter können Betreuung, Pflege oder angepasste Wohnformen wieder stärker ins Gewicht fallen.
Genau deshalb reicht die Frage «Wie viel Geld brauche ich pro Jahr?» allein nicht aus. Sinnvoller ist eine zweite Frage: Wann werde ich dieses Geld voraussichtlich brauchen, ausgeben wollen und ausgeben können?
Die Einteilung in drei Lebensphasen hilft, den Ruhestand realistischer zu betrachten. Sie ist kein starres Modell, sondern ein nützlicher Orientierungsrahmen für die finanzielle Planung.

Warum der Geldbedarf im Ruhestand nicht konstant bleibt
Viele Menschen bereiten sich sorgfältig auf die Pensionierung vor. Sie prüfen die AHV, die Pensionskasse, private Vorsorgegelder und Ersparnisse. Das ist richtig und wichtig. Oft bleibt dabei aber eine entscheidende Dimension zu wenig beachtet: Der zeitliche Verlauf der Ausgaben.
Ein Budget für den Ruhestand zeigt meist, wie viel Einkommen und Vermögen pro Jahr verfügbar sein sollen. Doch ein Durchschnittswert kann täuschen. Wer zum Beispiel mit 65 pensioniert wird, hat möglicherweise noch viele aktive Jahre vor sich. Diese Zeit möchte man nutzen: Reisen, erleben, besuchen, geniessen, vielleicht auch lang gehegte Wünsche erfüllen.
Später verschieben sich die Prioritäten. Ferien werden kürzer, der Alltag wird ruhiger, der Radius kleiner. Im hohen Alter wiederum treten oft andere Themen in den Vordergrund. Dazu gehören Haushaltshilfe, Betreuung, medizinische Unterstützung oder eine altersgerechte Wohnlösung.
Das führt zu einer typischen Ausgabenkurve:
Lebensphase | Alter als Orientierung | Typischer Geldbedarf | Haupttreiber |
Go-Go-Phase | ca. 60/65 bis 70/75 | eher hoch | Reisen, Freizeit, Kultur, Wellness, Anschaffungen |
Slow-Go-Phase | ca. 75 bis 80/85 | oft tiefer | ruhigerer Alltag, Wohnen, Gesundheit |
No-Go-Phase | ab ca. 85+ | kann wieder steigen | Betreuung, Pflege, Unterstützung |
Diese Kurve ist individuell. Gesundheit, Partnerschaft, Wohnsituation, Familie, Interessen und Vermögen spielen eine grosse Rolle. Trotzdem liefert sie eine wertvolle Grundlage, um Annahmen zu überprüfen.
Eine gute Ruhestandsplanung fragt nicht nur nach dem Jahresbudget. Sie fragt auch, in welcher Lebensphase welche Ausgaben realistisch sind.
Die Go-Go-Phase ist oft die aktivste und teuerste Zeit
Die erste Phase des Ruhestands beginnt häufig zwischen 60 und 65 Jahren und reicht ungefähr bis 70 oder 75. Viele Menschen sind körperlich fit, geistig aktiv und möchten das Leben nach dem Erwerbsleben bewusst gestalten. Der Gedanke lautet oft: "Jetzt erst recht."
Diese Zeit hat eine besondere Qualität. Der Termindruck nimmt ab, Reisen sind einfacher planbar, Freunde und Familie lassen sich häufiger besuchen, Hobbys bekommen mehr Raum. Auch kulturelle Anlässe, Restaurantbesuche, Wellness, Sport oder Weiterbildungen werden attraktiver.
Typische Ausgaben in dieser Phase sind zum Beispiel:
Reisen im In- und Ausland
Ausflüge, Wochenenden und Ferien mit der Familie
Kultur, Restaurants und gesellschaftliche Anlässe
Hobbys, Kurse, Sport und Vereine
Wellness, Erholung und aktive Gesundheitsvorsorge
grössere Anschaffungen für Wohnen, Mobilität oder Freizeit
gönne dir Erlebnisse, die dir wichtig sind
Finanziell ist diese Phase oft anspruchsvoll. Das Erwerbseinkommen fällt weg oder reduziert sich stark, gleichzeitig bleibt der Wunsch nach frei verfügbarem Geld hoch. Genau hier entsteht ein Planungswiderspruch: Viele Menschen rechnen nach der Pensionierung mit tieferen Ausgaben, erleben aber in den ersten Jahren das Gegenteil.
Das muss kein Problem sein, wenn es eingeplant ist. Wer weiss, dass die ersten zehn Jahre des Ruhestands bewusst aktiver und teurer werden dürfen, kann Vermögen gezielt dafür vorsehen. Dabei geht es nicht darum, unkontrolliert Geld auszugeben. Es geht darum, die Lebensqualität am richtigen Zeitpunkt zu finanzieren.
In dieser Phase stellt sich besonders die Frage nach der Liquidität. Nicht jedes Vermögen ist gleich gut verfügbar. Gelder in Immobilien, gebundenen Vorsorgeformen oder langfristigen Anlagen können nicht beliebig schnell genutzt werden.
Eine solide Planung sorgt dafür, dass laufende Ausgaben und grössere Vorhaben ohne unnötigen Druck finanziert werden können.

Die Slow-Go-Phase bringt mehr Ruhe und neue Prioritäten
Ab etwa 75 Jahren verändert sich bei vielen Menschen das Tempo. Die Slow-Go-Phase bedeutet keineswegs Stillstand. Sie beschreibt eher eine bewusstere Lebensgestaltung. Wege werden kürzer, Aktivitäten ausgewählter, Ferien vielleicht näher und Erholung wichtiger.
Der Satz für diese Phase könnte lauten: "Weniger, aber bewusster."
Viele freiwillige Ausgaben sinken. Fernreisen werden seltener, grosse Anschaffungen nehmen ab, Restaurantbesuche oder Ausflüge finden selektiver statt. Gleichzeitig bleiben soziale Kontakte, sinnvolle Aufgaben und Hobbys sehr wichtig. Der Unterschied liegt im Mass und in der Art der Aktivitäten.
Typische Veränderungen können sein:
weniger Fernreisen und längere Flugreisen
mehr Ferien in der Schweiz oder im nahen Ausland
kleinere Ausflüge statt intensiver Programme
mehr Zeit für Familie, Freunde und vertraute Orte
mehr Gewicht auf Komfort, Sicherheit und Wohnqualität
wachsendes Interesse an gesundheitlicher Stabilität
Finanziell wirkt diese Phase oft entspannter. Die variablen Freizeitkosten gehen zurück. Dafür gewinnen andere Ausgaben an Bedeutung. Wohnen, Gesundheit, Mobilität und Unterstützung im Alltag rücken stärker in den Fokus.
Ein Beispiel: Wer früher mehrmals pro Jahr verreist ist, plant später vielleicht nur noch eine Ferienwoche in der Nähe. Dafür werden eine Haushaltshilfe, ein Fahrdienst, Physiotherapie, eine neue Brille, Hörgeräte oder Anpassungen in der Wohnung wichtiger. Solche Ausgaben sind weniger spektakulär als eine Reise, aber sie tragen stark zur Lebensqualität bei.
Für die Planung ist diese Phase deshalb besonders spannend. Sie zeigt, dass «weniger Ausgaben» nicht automatisch «weniger Bedarf an Planung» bedeutet. Das Budget wird zwar ruhiger, aber die Struktur verändert sich. Fixkosten sollten tragbar bleiben, Rücklagen für Gesundheit und Wohnen sollten vorhanden sein, und die finanzielle Übersicht wird wichtiger.
In der Schweiz spielen dabei auch die Leistungen aus AHV, Pensionskasse und privater Vorsorge eine zentrale Rolle. Je klarer bekannt ist, welche regelmässigen Einnahmen zur Verfügung stehen, desto besser lässt sich entscheiden, wie viel Vermögen zusätzlich eingesetzt werden soll.
Die No-Go-Phase verlangt Sicherheit und gute Versorgung
Ab etwa 85 Jahren beginnt für viele Menschen eine weitere Lebensphase. Der Begriff No-Go-Phase klingt hart, sollte aber nicht als «nichts geht mehr» verstanden werden. Gemeint ist vielmehr: Der Alltag wird stärker vom Bedürfnis nach Sicherheit, Unterstützung und guter Versorgung geprägt.
Der passende Gedanke lautet: Ich brauche nicht mehr viel, aber ich möchte gut versorgt sein.
In dieser Phase nehmen Reisen und grössere Unternehmungen oft deutlich ab. Die Mobilität kann eingeschränkt sein. Viele Menschen verbringen mehr Zeit zu Hause oder in der näheren Umgebung.
Das Bedürfnis nach Verlässlichkeit steigt:
Wer hilft im Haushalt?
Wer begleitet zu Terminen?
Wie bleibt der Alltag würdevoll, sicher und möglichst selbst bestimmt?
Mögliche Kosten in dieser Phase sind:
Unterstützung im Haushalt
Mahlzeitendienste oder Entlastungsangebote
Betreuung zu Hause
Fahrdienste und Begleitung
altersgerechte Anpassungen der Wohnung
Pflegekosten oder ein Aufenthalt in einer betreuten Wohnform
Hier kann der Geldbedarf wieder steigen. Nicht wegen Luxus, Konsum oder Freizeit, sondern wegen Versorgung. Betreuung und Pflege können finanziell relevant werden, auch wenn je nach Situation Versicherungen, öffentliche Leistungen oder Ergänzungsleistungen eine Rolle spielen können. Die genaue Belastung hängt stark vom Gesundheitszustand, vom Wohnkanton, von der Wohnform und von der familiären Unterstützung ab.
Vermögen bekommt in dieser Phase eine andere Aufgabe. Es dient weniger der Lebensfreude im Sinne von Reisen und Aktivitäten.
Es wird stärker zur Absicherung eingesetzt. Das kann emotional anspruchsvoll sein, ist aber ein wichtiger Teil einer realistischen Ruhestandsplanung.
Gerade deshalb lohnt es sich, früh über diese Phase zu sprechen. Nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Wer rechtzeitig vorsorgt, kann später mehr Handlungsspielraum behalten. Dazu gehört auch, persönliche Wünsche festzuhalten:
Und genau deshalb ist für die Ruhestandsplanung nicht nur die Frage wichtig: Wie möchte ich wohnen?
Welche Unterstützung wäre mir angenehm?
Was soll mit dem Vermögen geschehen, wenn hohe Betreuungskosten entstehen?

Was diese Lebensphasen für die Ruhestandsplanung bedeuten
Die drei Lebensphasen zeigen klar: Ein lineares Budget wird dem Ruhestand oft nicht gerecht. Wer jedes Jahr mit dem gleichen Betrag rechnet, übersieht möglicherweise die teuren aktiven Jahre am Anfang oder die möglichen Versorgungskosten im hohen Alter.
Eine gute Planung verbindet deshalb drei Ebenen.
Regelmässige Einnahmen
Dazu gehören AHV-Renten, Pensionskassenrenten, Renten aus privaten Vorsorgelösungen oder andere verlässliche Einkünfte. Sie bilden die Basis für Fixkosten wie Wohnen, Krankenkasse, Steuern, Lebensmittel und laufende Verpflichtungen.
Verfügbares Vermögen
Dazu zählen Bankguthaben, Wertschriften, Vorsorgegelder, Immobilienvermögen oder andere Rücklagen. Entscheidend ist, wann dieses Vermögen verfügbar ist und wofür es eingesetzt werden soll.
Zeitpunkt der Ausgaben
Hier liegt der Kern der Phasenplanung. Ein Teil des Vermögens kann für aktive Jahre vorgesehen werden, ein anderer Teil für Sicherheit und Versorgung im späteren Leben. So entsteht ein Plan, der nicht nur rechnerisch stimmt, sondern zum tatsächlichen Leben passt.
Hilfreich ist eine einfache Aufteilung:
Zweck | Typische Phase | Planungsfrage |
Lebensfreude finanzieren | Go-Go-Phase | Welche Wünsche möchte ich bewusst ermöglichen? |
Alltag stabil halten | Slow-Go-Phase | Welche Fixkosten und Gesundheitsausgaben sind realistisch? |
Versorgung sichern | No-Go-Phase | Welche Rücklagen brauche ich für Betreuung und Pflege? |
Diese Sichtweise verhindert zwei häufige Fehler. Der erste Fehler besteht darin, in den ersten Jahren aus Sorge zu stark zu sparen und wertvolle Möglichkeiten nicht zu nutzen. Der zweite Fehler besteht darin, zu früh zu viel Vermögen zu verbrauchen und später zu wenig Reserve für Unterstützung zu haben.
Der richtige Weg liegt meist zwischen diesen Extremen. Er verbindet Lebensqualität mit Vorsicht.
Welche Fragen vor der Pensionierung geklärt werden sollten
Eine tragfähige Ruhestandsplanung beginnt nicht erst am letzten Arbeitstag. Idealerweise werden die wichtigsten Fragen einige Jahre vorher geprüft. So bleibt Zeit, Entscheidungen sorgfältig zu treffen und verschiedene Szenarien durchzurechnen.
Besonders hilfreich sind folgende Fragen:
Wie hoch sind die voraussichtlichen fixen Ausgaben nach der Pensionierung?
Welche Wünsche sollen in den ersten Ruhestandsjahren finanziell möglich sein?
Welche Einnahmen sind sicher, welche schwanken?
Welcher Teil des Vermögens soll kurzfristig verfügbar bleiben?
Wie verändert sich die Steuerbelastung nach der Pensionierung?
Welche Wohnform ist langfristig realistisch und bezahlbar?
Wie gross soll die Reserve für Gesundheit, Betreuung und Pflege sein?
Welche finanziellen Entscheidungen betreffen Partnerin, Partner oder Angehörige?
Auch der Bezug von Pensionskassengeldern verdient besondere Aufmerksamkeit. Rente, Kapital oder eine Kombination daraus haben langfristige Folgen. Es gibt keine Lösung, die für alle passt. Die Entscheidung sollte zur persönlichen Lebenssituation, zur Risikofähigkeit, zur Gesundheit, zur familiären Situation und zum gewünschten Sicherheitsgefühl passen.
Dasselbe gilt für Wohneigentum. Ein Eigenheim kann Sicherheit bieten, aber auch Kapital binden und Unterhalt verursachen. Im Alter stellt sich oft die Frage, ob die Wohnsituation praktisch, finanziell tragbar und gesundheitlich sinnvoll bleibt.
Dieser Beitrag ist allgemeiner Natur und ersetzt keine persönliche Finanz-, Vorsorge- oder Steuerberatung. Gerade bei Pensionierung, Kapitalbezug, Nachlassplanung und Pflegefinanzierung lohnt sich eine individuelle Beurteilung.

Der wichtigste Gedanke ist der richtige Zeitpunkt
Ruhestand planen bedeutet mehr, als Einnahmen und Ausgaben gegenüberzustellen. Es bedeutet nicht, jeden Franken für Jahrzehnte im Voraus festzulegen.
Der Ruhestand darf sich entwickeln. Es bedeutet, das eigene Leben in Etappen zu denken. Die Go-Go-Phase braucht oft mehr frei verfügbares Geld für Reisen, Aktivitäten und persönliche Wünsche. Die Slow-Go-Phase bringt mehr Ruhe, aber auch neue Prioritäten rund um Wohnen und Gesundheit. Die No-Go-Phase verlangt finanzielle Sicherheit für Unterstützung, Betreuung und Pflege.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Wie viel Geld brauche ich pro Jahr?
Genauso wichtig ist: Wann in meinem Leben werde ich dieses Geld wahrscheinlich brauchen?
Wer diese Frage ehrlich beantwortet, plant realistischer. Sie schafft Raum für Freude in den aktiven Jahren, Stabilität in der ruhigeren Phase und Sicherheit im hohen Alter. Genau darin liegt der Wert einer sorgfältigen Ruhestandsplanung: Sie verbindet Zahlen mit Lebensqualität.
Lass dich fachkundig beraten, z.B. bei deiner Hausbank, wenn du bei der Planung mehr Sicherheit wünschst.



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